Deutscher Geschmack in dänischer Kultur

Interview mit Knud Romer

,„Wenn wir es einmal ganz nüchtern betrachten, dann sind die Dänen in Wirklichkeit Südschweden und Norddeutsche. Also, wenn jemand aus Deutschland mit jemandem aus Schweden ein Kind bekommt, dann ist es ein Däne.“ 

So präzise lässt sich das zusammenfassen. Jedenfalls wenn man Knud Romer fragt, der in Nykøbing Falster mit einer deutschen Mutter aufgewachsen ist und eigenen Angaben zufolge auch mit „,deutscher Literatur, deutscher Kunst an den Wänden, und ich habe mich als Kind bei klassischer Musik, Oper und deutscher Kammermusik zu Tode gelangweilt.“ Knud Romer ist daher sowohl mit der dänischen als auch mit der deutschen Kultur vertraut und kennt die Geschichte auf beiden Seiten der Grenze. Aus diesem Grund wundert er sich über unser Selbstverständnis: 

,„Die dänische Identität existiert nur durch Grenzziehung. Die eigentliche Vorstellung einer dänischen Einheitskultur, die fix und fertig als Dannebrog vom Himmel gefallen ist, können wir schnell zerlegen, wenn wir uns unsere kulturellen Wurzeln anschauen.“ 

Knud Romer stopft sich erneut seine Pfeife, bevor er sich auf dem Sofa zurücklehnt. Dann erläutert er, wie er den Einfluss des deutschen auf das dänische Nationalgefühl sieht: 

,„Nehmen wir doch einfach unseren Weihnachtsbaum und die Aussage von Pia Kjærsgaard: ‚Finger weg von meinem traditionellen Weihnachtsfest‘. Nun, dann hat sie keine Ahnung, wovon sie spricht! Der Weihnachtsbaum ist deutsch, und wenn wir ‚Glade jul, dejlige jul‘ singen, handelt es sich um eine deutsche Hymne: ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘. Wir haben so tolle Vorstellungen von unserer Sprache, doch sie erinnert zu 70 % an Deutsch, und der Rest sind direkte Lehnwörter. Selbst unser Königshaus ist mehr deutsch als dänisch. Und wenn wir uns fragen: Was ist das Dänischste, das uns einfällt? Dann ist es ein dänisches Schrebergartenhaus mit wehendem Dannebrog. Das Schrebergartenhaus ist aber ebenfalls deutsch. Und Adam Oehlenschläger, der Verfasser unserer geliebten Nationalhymne, war ein deutsch-dänischer Dichter.“ 

„Das Witzige ist, dass wir uns selbst einer Gehirnwäsche unterziehen und uns nicht bewusst ist, wer wir wirklich sind, wenn wir uns zu einer dänischen Identität und der Vorstellung ewiger Unveränderlichkeit kanonisieren. Wenn Sie die deutsche Geschichte aus der dänischen herausnehmen, dann sind wir nicht mehr existent.

KNUD ROMER

Aber warum haben wir vergessen, woher all unsere liebsten Symbole stammen? 

„,Nach 1864 kehren wir Deutschland den Rücken zu – und noch stärker nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir hängen Trommeln, kleine Trompeten und den Dannebrog an unsere Weihnachtsbäume – hüllen unser deutsches Weihnachtsfest also in dänischen Nationalismus und Krieg ein. Und wir beginnen, den Dannebrog bei jeder erdenklichen Gelegenheit zu verwenden – es gibt kein anderes Land, in dem die Nationalflagge so viel eingesetzt wird – von Weihnachten über Geburtstagstorten bis hin zu Werbeannoncen. Unser deutsches Erbe wird uns gleichgültig.“ 

Die dänische Identität ist ein Konstrukt

,„Das Witzige ist, dass wir uns selbst einer Gehirnwäsche unterziehen und uns nicht bewusst ist, wer wir wirklich sind, wenn wir uns zu einer dänischen Identität und der Vorstellung ewiger Unveränderlichkeit kanonisieren. Wenn Sie die deutsche Geschichte aus der dänischen herausnehmen, dann sind wir nicht mehr existent. Dann ist all das, was wir für dänisch halten, nicht mehr vorhanden. Wir sind immer quer durch Nationalitäten miteinander ins Bett gegangen und sind ein konstant köchelnder Schmelztiegel mit stetigem Austausch und gegenseitiger Bereicherung. Alles andere ist ein Konstrukt. Wir meinen, dass wir weniger wert sind, wenn wir auf der Kultur anderer und dem Austausch basieren. Man kann es aber auch so sehen, dass wir riesig sind und Teil einer Gemeinschaft. 

Wenn man in Dänemark mit der Idee aufräumen könnte, dass Bildungskultur etwas Vornehmes ist, das nur dem Bürgertum vorbehalten ist, dann könnten wir die gleiche Einstellung wie die Deutschen haben. In Deutschland sind die Museen offen, und die Kunst gehört dem Volk und kann das Volk aufklären, so dass es am schönen Leben teilhaben kann. Und die Deutschen feiern es, wenn ein Werk von Caspar David Friedrich nach einer Leihgabe wieder zurückkommt. In Dänemark haben wir keine Ahnung, wer unsere Künstler sind, und sind gleichgültig. Sehen Sie, in Deutschland ist die Kultur mit Stolz und Freude verbunden, und das sollten wir Dänen auch so empfinden – stattdessen arbeiten wir weiter daran, unsere Kultur abzuschaffen. Die Dänen sollten anfangen, sich selbst zu akzeptieren, anstatt ein sehr kleines Land so groß zu machen, dass man nicht einmal von Kopenhagen nach Südjütland kommen kann!

Die Wiedervereinigung [Nordschleswigs mit Dänemark] ist 100 Jahre her, der Mauerfall 30 Jahre. Als die Mauer fiel, feierten wir das Erblühen des grenzenlosen Europas, Berlin wurde wieder cool und wir richteten unseren Blick nach Deutschland. All das ist von Nationalismus und Fremdenhass abgelöst worden. Nostalgie real werden zu lassen, ist – politisch gesehen – am gefährlichsten. Letztendlich muss die Mauer in uns selbst, die uns von den Deutschen trennt, fallen. Wenn wir aus dem Freundschaftsjahr einen Nutzen ziehen wollen, müssen wir damit beginnen zu verstehen, wie deutsch wir selbst sind.“ 

Knud Romer