Die Elite der Kunst Kunst und Macht

Interview mit Mikkel Bogh

Wenn Sie in ein Kunstmuseum hineinkommen, sehen Sie Gemälde an der Wand, Skulpturen auf dem Boden und Installationen, die Sie betreten können. Das, was Sie sehen, ist jedoch nur einen Bruchteil – denn unter Ihren Füßen oder in geheimen angrenzenden Räumen verbergen sich Magazine voller Kunst. Daraus setzen sich die Sammlungen der Museen zusammen, die von dahinterliegenden machtvollen Bewegungen gebildet werden. Mikkel Bogh, Direktor der Dänischen Nationalgalerie, Statens Museum for Kunst, erklärt uns, welche Kräfte hinter einer Sammlung stehen: 

„,In der Dänischen Nationalgalerie sind tatsächlich mehr als 600 Jahre deutsche Kunst vertreten. Dabei ist jedoch zu erwähnen, dass die mitunter schwierigen Beziehungen zwischen Dänemark und Deutschland zu Lücken in der Sammlung geführt haben. Dies reicht bis ins Goldene Zeitalter der dänischen Kunst im 19. Jahrhundert zurück, wo manche deutsche Künstler zwar anerkannt, in den Augen dänischer Kunsthistoriker jedoch auch problematisch waren.“

Mehrere Künstler, wie Louis Gurlitt und Caspar David Friedrich, genossen beispielsweise die Anerkennung des Königs, aber nicht zwangsläufig die der Kunsthistoriker. Einer der einflussreichen Kunsthistoriker war N. L. Høyen, der ansonsten viel durch Deutschland gereist und Fürsprecher der deutschen Kunst in den 1820er und 1830er Jahren war.

„,In den 1840er Jahren vollzog Høyen jedoch einen Sinneswandel. Plötzlich war er davon überzeugt, dass es einen Bedarf an nordischer und nationaler Kunst gab. Sein Fokus richtete sich nun auf eine besonders dänische Volkstümlichkeit in der Kunst, und sein Einfluss führte dazu, dass weniger Museen Künstler mit deutschem Hintergrund sammelten. Seitdem haben wir wieder gelernt, diese Künstler zu sammeln, doch zu Høyens Zeit wurden sie eindeutig verschmäht.“

Man muss sich aber davor hüten zu sagen, dass dies nie wieder geschehen wird – das wurde in der Geschichte schon so häufig behauptet. Wir sollten uns eher darüber im Klaren sein, dass wir Dinge übersehen können, und aktiv daran arbeiten, eventuelle Mängel zu beheben

Mikkel Bogh
Direktor der Dänischen Nationalgalerie, Statens Museum for Kunst

Der Widerwille der Museen gegen die deutschen Künstler führte auch dazu, dass man während des Goldenen Zeitalters der dänischen Kunst zwischen Königs- und Kurator-Erwerbungen zu unterscheiden begann. Der König hatte nämlich die richtige Einstellung gegenüber der europäischen Kunst und erwarb mit Freude französische und deutsche Werke. Die Kuratoren wurden jedoch von den neuen nationalromantischen Gedanken beeinflusst und hatten damit Høyens Einstellung im Hinterkopf, wenn sie den Fokus auf Patriotismus und Nationalismus in den dänischen Werken richteten.

C. W. Eckersberg (1783—1853). Landschaftspartie bei Rolighed in Charlottenlund, 1825.
Kulturelles Unbehagen

Mikkel Bogh betrachtet die fehlenden Käufe deutscher Kunst als Ausdruck eines Unbehagens gegenüber Deutschland als Land: 

,„Die Sammlung wird von den wechselnden Musemskuratoren und -direktoren, die für ihren Ausbau verantwortlich sind, verkörpert. Hier können wir erkennen, dass es hinsichtlich der deutschen Künstler Versäumnisse gegeben hat. Dies kann einem gewissen kulturellen Unbehagen zugeschrieben werden, wobei man Deutschland in künstlerischer Hinsicht nicht als kulturellen Nachbarn anerkannt hat, mit dem wir uns austauschen sollten. 

Wenn es um politische Unstimmigkeiten geht, sollte die Kunst unter dem Radar bleiben; hier sehen wir jedoch einen Fall von mentaler Abstrafung der Deutschen durch die Kunst. Nicht durch die Künstler selbst, sondern durch diejenigen, die die Kunst vertreten und ausgestellt haben.“ 

Man sollte niemals nie sagen

Wie sind die Aussichten, dass sich die einstigen Vorurteile in Zukunft wiederholen? Als Direktor der Dänischen Nationalgalerie findet Mikkel Bogh deutliche Worte:

,„Ich würde ganz klar sagen, dass wir heute keine Aussortierung bestimmter Nationalitäten in unserer Sammlungsstrategie dulden. Im 19. Jahrhundert fungierte das Museum in höherem Maße als Plattform oder Bühne für den Aufbau einer nationalen Gesinnung oder gar eines Nationalstaats. Daher war es legitim, dass sich die Kuratoren auf die dänische Kunst konzentrierten. Das Museum sollte also eine Galerie aufbauen, die das typisch Dänische repräsentierte. Heute würde ich diese Strategie als falsch bezeichnen, ja vielleicht sogar als gefährlich. Wir sammeln nicht mit dem Hintergedanken, etwas typisch Dänisches zu zeigen oder uns von unseren nächsten Nachbarn zu abzugrenzen.“

Heute richten die Museen den Fokus auf Breite und Vielfalt in der Sammlung. Im 19. Jahrhundert dienten die Museen bisweilen dazu, die Macht des Königs zu demonstrieren – oder die Größe des Landes. Heutzutage sammelt man eher nach wissenschaftlichen Ansätzen, was uns aber nicht den Blick auf die Aussortierung der Vergangenheit verschließen darf: 

„,Man muss sich aber davor hüten zu sagen, dass dies nie wieder geschehen wird – das wurde in der Geschichte schon so häufig behauptet. Wir sollten uns eher darüber im Klaren sein, dass wir Dinge übersehen können, und aktiv daran arbeiten, eventuelle Mängel zu beheben. Es ist die Aufgabe der Kuratoren und Direktoren, die blinden Flecke zu erkennen und darauf zu reagieren.“

Mikkel Bogh