Die künstlerische Verbindung

Interview mit Søs Bech Ladefoged

Die Kunst ist frei und ohne Vorurteile. Sie schöpft ihre Inspiration quer über kulturelle und nationale Grenzen. Doch kann sie sich auch von der politischen Landschaft frei machen? Jedenfalls nicht, wenn wir auf die dänische Kunstgeschichte zurückblicken. Wenn Ihnen der Beweis dafür fehlt, werfen Sie einen Blick in die dänischen Kunstsammlungen: Wo sind die deutschen Künstler? Søs Bech Ladefoged, Kuratorin im Kunstmuseum in Tønder und Leiterin des Projekts „,Kunst an der Grenze“, gibt Aufschluss darüber, warum an den weißen Museumswänden in Dänemark kaum deutsche Kunstwerke hängen:

„,Der künstlerische Austausch, der zwischen Dänemark und Deutschland stattgefunden hat, ist eine interessante und gleichzeitig recht dramatische Geschichte. Die ersten Austauschbewegungen zwischen dänischen und deutschen Künstlern erfolgen an der Kunstakademie in Kopenhagen. Insbesondere norddeutsche Künstler zieht es an die Kopenhagener Akademie, darunter Caspar David Friedrich, einer der großen Meister der deutschen Malerei. Heute könnte man vielleicht sogar behaupten, dass Friedrich, der sich zu einem der tonangebenden Künstler in Deutschland entwickelt, möglicherweise einige Ideale aus der dänischen Kunst mitgenommen hat.“

Ein guter Freund Friedrichs, der Schleswig-Holsteiner J. L. Lund, war zur gleichen Zeit Professor wie der dänische Künstler C. W. Eckersberg, der seine Studenten – von denen viele heute in dänischen Museen vertreten sind – in hohem Maße prägte. Es kam jedoch zu einer Selektion zwischen den dänischen und den deutschen Studenten, was vor allem daran lag, dass Eckersberg nicht gerne deutsche Schüler unterrichtete. An der Akademie wurde also eine Unterscheidung vorgenommen, ansonsten wohnten die Künstler jedoch in Kollektiven, wo sie gemeinsam arbeiteten und Ideen austauschten: 

„,Während Eckersberg die Deutschen von sich stieß, wurden sie von Lund mit offenen Armen empfangen. Untereinander hatten die Studenten keine Probleme mit dem Austausch, und ein Künstler wie Louis Gurlitt, der wohl eher Deutscher als Däne war, betrachtete sich selbst als dänischen Künstler – trotz seiner Hamburger Herkunft. Mehrere Studenten der Kopenhagener Akademie unternahmen Bildungsreisen durch Deutschland in Richtung Rom, das ein beliebtes Ziel für neugierige Künstler war. Nach mehreren Zwischenstopps in den deutschen Kunstmetropolen trafen sich die Künstler beim dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen in Rom. Thorvaldsen interessierte sich nicht für Nationalitäten oder Politik – er kümmerte sich ausschließlich um die Kunst.“ 

Hinausgeworfen aus der dänischen Kunstgeschichte

Der Konflikt um die Herzogtümer Schleswig und Holstein schwelte jedoch, und der künstlerische Austausch wurde von scharf umrissenen Nationalitäten abgelöst. In der neuen politischen Landschaft war ein Krieg unvermeidlich:

,„In den 1830er Jahren flammt der Konflikt um die dänisch-deutsche Grenze auf beiden Seiten auf, und plötzlich müssen die Künstler Stellung beziehen, auf welcher Seite sie stehen – und mit wem sie sympathisieren. Louis Gurlitt entscheidet sich für die deutsche Seite, obwohl er das politische Spiel merkwürdig findet. Seine Entscheidung hat eindeutige Konsequenzen: Gurlitt war in der Königlichen Gemäldesammlung vertreten, nach seiner Entscheidung werden seine Werke jedoch für Jahre von den Wänden entfernt. Man könnte sagen, dass die Deutschen aufgrund des Konflikts schlicht und ergreifend aus der dänischen Kunstgeschichte hinausgeworfen wurden.“ 

Anfang des 20. Jahrhunderts fanden die dänischen Künstler ihren Weg zurück nach Deutschland. Der Groll über den Krieg blieb in der dänischen Kunstszene jedoch haften, und Politiker und Kritiker zeigten sich skeptisch gegenüber der deutschen Kunst: ,

„,Um die Zeit des ‚Aufbruchs in die Moderne‘ in der skandinavischen Literatur und Gemäldekunst erfolgt wieder eine gegenseitige Inspiration dänischer und deutscher Künstler, was wir z. B. ganz konkret daran sehen, dass ein dänischer Künstler wie P. S. Krøyer bis heute in deutschen Kunstmuseen zu bewundern ist.“

Doch hier besteht der Unterschied zwischen der Vor- und der Nachkriegszeit. Während die dänischen Skagen-Maler in den deutschen Museen Einzug halten und sich die deutschen Künstler erneut von Motiven und Stilarten aus Dänemark inspirieren lassen, sind letztere in den dänischen Kunstsammlungen nicht vorhanden.

Wir haben die Deutschen nicht zurückgenommen. Nach 1864 konnten Kritiker und Politiker die Deutschen schlicht und ergreifend nicht ausstehen

Søs Bech Ladefoged, Kuratorin im Kunstmuseum in Tønder

„,Wir haben die Deutschen nicht zurückgenommen. Nach 1864 konnten Kritiker und Politiker die Deutschen schlicht und ergreifend nicht ausstehen, und ein gutes Beispiel dafür ist das, was ich den Big Bang der Kunst in Deutschland nenne. Viele Dänen zogen nach Berlin, und insbesondere die Galerie ‚Der Sturm‘ versuchte, das künstlerische Leben, das sich in Berlin abspielte, in Dänemark auszustellen. Doch ohne großen Erfolg. Kunstkritiker zerrissen die Ausstellungen der Galerie und die experimentelle Avantgarde aus Deutschland wurde nicht wohlwollend aufgenommen!“

Wenn sie doch nur Augen im Kopf hätten

,„Es gibt jedoch Beispiele für einzelne dänische Künstler, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland reisen. Vilhelm Bjerke-Petersen und Franciska Clausen, zwei äußerst anerkannte Künstler, begeben sich über die Grenze und übernehmen Stilmerkmale aus dem deutschen Expressionismus, Konstruktivismus und Bauhaus. Zurück in Dänemark müssen sie jedoch die deutschen Inspirationen etwas zurückschrauben – das Deutsche ist aus dänischer Sicht ja geschmacklos! Clausens von Deutschland inspirierte Werke werden auf Ausstellungen kritisiert, und Bjerke-Petersens Bauhaus-Inspiration lässt sich nur schwach erahnen – und meist in den Spätwerken. Harald Giersing, dänischer Künstler und Wegbereiter für den dänischen Modernismus, ärgerte sich vermutlich ebenfalls ein wenig über die mangelnde Unterstützung für die deutsche Inspiration in Dänemark und schrieb 1917 über die Kritiker: „Ach, hätten wir doch Männer mit Augen im Kopf statt diese bestenfalls >>wissenschaftlich<< ausgebildeten Gehirne […]“.“

Søs Bech Ladefoged, Kuratorin im Kunstmuseum in Tønder und Leiterin des Projekts „,Kunst an der Grenze“